Mit dem Bike auf den Spuren der Schmuggler

Eine der erlebnisreichsten Mountainbike-Touren im Puschlav ist die Route von Poschiavo über San Romerio und hinunter nach Tirano, Endstation des bekannten Bernina Express der Rhätischen Bahn. Es ist eine Tour mit einem hohen Trailanteil, grossartigen Aussichten und zwei ganz speziellen Highlights, die zu einem Muss gehören, wenn man im Puschlav mit dem Bike unterwegs ist: Der Mittagsstopp bei der Alpe San Romerio mit der spektakulär über dem Lago di Poschiavo thronenden kleinen Kirche. Und die Abfahrt ab der Grenze über Schmugglerpfade und durch Rebberge bis hinunter ins italienische Veltlin.

Das Veltlin hatte jahrhundertelang zu Graubünden und zu seinem Wirtschaftsraum gehört. Doch Napoleon schlug es 1797 der neuen Cisalpinischen Republik zu, aus der bald die Italienische Republik wurde. Plötzlich gab es hier eine Grenze – und damit auch Schmuggel. Rund 150 Jahre lang war der «Contrabbando» für die Bevölkerung beidseits der Grenzen ein willkommener Nebenerwerb. Ab den 1950er- bis in die 1970er-Jahren wurde er plötzlich zum lukrativen Haupterwerb – und das kleine, heute sehr ruhige Dorf Viano, durch das man bei dieser Biketour fährt, zum wohl wichtigsten Schmugglerdorf der Schweiz.

Im grossen Stil wurde von Viano vor allem Kaffee ins Veltlin geschmuggelt. Der Grund für den grossangelegten Schmuggel waren die hohen Zölle, welche der italienische Staat bei der Einfuhr erhob. Kaffee war in Italien dreimal so teuer wie in der Schweiz. Bis zu 7 Franken pro Kilogramm Kaffee entging dem italienischen Staat, wenn er unverzollt über die Grenze kam.

Mehrmals pro Woche kamen Güterzüge aus Basel mit tonnenweise grünen Kaffeebohnen in Brusio, dem Hauptort des unteren Puschlavs, an. Dort wurde dieser geröstet, gemahlen, verpackt und über eine enge, kurvenreiche Strasse hinauf nach Viano gefahren, wo er sackweise an die Schmuggler übergeben wurde. 30 Kaffeeröstereien gab es damals zuunterst im Puschlav. Über Brusio hing in den 60er- und 70er-Jahren stets ein blau-grauer Nebel, auf den Fensterscheiben lagerte sich braunes Pulver ab – und überall roch es nach geröstetem Kaffee.

Die Schmugglerinnen und Schmuggler, die «Contrabbandieri», stammten vor allem aus dem Veltlin. Sie kamen jeden Tag ab 5 Uhr über die Grenze und wurden dann mit kleinen Bussen zu den Ausgangsorten für ihre Schmuggeltouren gefahren. 500 bis 600 Schmugglerinnen und Schmuggler waren jeden Tag unterwegs. Sie trugen die Säcke, sogenannte «Bricolle», zu Fuss über die Grenze, 500 bis 1000 Säcke waren es jeden Tag. Von den unterschiedlichsten Orten her machten sie sich beladen auf den Weg durch die dichten Wälder und steilen Hänge. Kinder mit 10-Kilo-Säcken, Frauen mit 25-Kilo-Säcken und Männer mit bis zu 50 Kilogramm schweren Säcken. Für den Fussmarsch von zwei Stunden erhielten die Schmuggler bis zu 70, 80 Franken – dreimal mehr, als ein Arbeiter damals pro Tag verdiente.

Auch die offizielle Schweiz profitierte vom Schmuggel. Der Kaffee wurde in Basel legal eingeführt und die Händler zahlten gleich dort die Mehrwertsteuer. Millionen von Franken kamen so in die Staatskasse und flossen nicht zuletzt in die AHV. Die Schmuggler mussten den Kaffee bei der Zollstelle in Viano nur noch deklarieren und konnten diesen dann legal ausführen – ob die unverzollte Einfuhr in Italien legal war, interessierte die Schweizer Behörden nicht. In den 60er- und 70er-Jahren verliessen so jedes Jahr 5000 Tonnen Kaffee die Schweiz. 1971 waren es gar 8917 Tonnen. Zu den besten Zeiten waren es im Durchschnitt 24 Tonnen pro Tag.

Anders sah es auf der italienischen Seite aus. Es war Aufgabe der italienischen Grenzwächter, der «Finanzieri», den Schmuggel zu unterbinden. Sie erwischten zwar immer mal wieder einen der Contrabbandieri – gegen diese grosse Zahl hatten sie allerdings keine Chance. Doch das Katz- und Mausspiel mit den Finanzieri konnte durchaus gefährlich sein. Diese schossen hin und wieder auf die Schmuggler. In der Regel zielten sie dabei zwar auf die Beine – doch es kam vor, dass eine Kugel tödlich war. Auch sonst war die Arbeit der Schmuggler hart und gefährlich, vor allem im Winter. Die Gefahr, mit ihren schweren Lasten bei Schnee und Eis auszurutschen und abzustürzen oder unter eine Lawine zu kommen, war stets präsent.

Den Schmugglern sei Dank gibt es noch heute unzählige Wege durch den steilen Berghang zwischen Viano und den Veltliner Dörfern Baruffini und Roncaiola, wo die Contrabbandieri einst ihre Ware abluden. Diese ehemaligen Schmugglerwege sind wie gemacht für Mountainbikerinnen und Mountainbiker: Da sie mit schweren Lasten begangen werden mussten, sind sie zum grossen Teil nicht allzu steil angelegt und ohne grössere technische Schwierigkeiten.


1 Kommentar

Claudio Merlo · 5. August 2021 um 8:00 am

Sehr gut beschrieben, habe diese Zeit miterlebt!

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